Abtreibungserfahrungen sind nicht einheitlich. Frühere Forschungen zeigten, dass psychische Belastungen bei Frauen dann zunehmen, wenn die Entscheidung nicht freiwillig getroffen wurde oder den persönlichen Werten widerspricht. Die American Psychological Association betont, dass das Risiko negativer Folgen steigt, wenn eine emotionale Bindung zur Schwangerschaft besteht oder sozialer Druck empfunden wird (IMABE-Studienreihe: Schwangerschaftsabbruch und Psyche: Eine qualitative Studienanalyse (2023)).
Eine aktuelle im Journal of Psychosomatic Obstetrics & Gynecology (März 2025) veröffentlichte Studie hat nun quantifizierbar erforscht, wie Frauen selbst ihre Suizidgedanken und Suizidversuche mit verschiedenen Schwangerschaftsausgängen in Verbindung bringen.
Die Suizidversuchsrate steigt bei Abtreibung und sinkt bei Geburten
Befragt wurden 2.829 US-Frauen im Alter von 41 bis 45 Jahren zu ihrer Schwangerschaftsgeschichte und ihren nachfolgenden Suizidgedanken, selbstzerstörerischem Verhalten oder Suizidversuchen, die sie entweder auf eine Lebendgeburt, eine Problemschwangerschaft, einen natürlichen Schwangerschaftsverlust oder einen induzierten Schwangerschaftsabbruch zurückführten.
Die Studie ergab signifikante Unterschiede in den Suizidversuchsraten je nach Schwangerschaftsergebnis: Bei Frauen mit Abtreibungen lag die Rate bei 35 Prozent, während Frauen mit Lebendgeburten nur eine Rate von 13 Prozent aufwiesen. Frauen ohne Schwangerschaftserfahrung zeigten eine Suizidversuchsrate von 17 Prozent, und Frauen mit Fehlgeburten lagen bei etwa 30 Prozent. Insgesamt hatten 409 Frauen (21 Prozent der Befragten) mindestens eine Abtreibung hinter sich.
Differenzierte Betrachtung der Abtreibungserfahrungen
Die Forscher unterschieden vier Kategorien von Abtreibungserfahrungen: von vollständig gewollten Abtreibungen über akzeptierte, aber als wertinkonsistent empfundene Schwangerschaftsabbrüche bis hin zu ungewollten und erzwungenen Abtreibungen. Überraschenderweise wiesen selbst Frauen mit gewollten Abtreibungen eine überdurchschnittliche Suizidversuchsrate von 30 Prozent auf. Die höchste Rate von 46 Prozent zeigte sich bei Frauen, die sich zur Abtreibung gezwungen fühlten.
Frauen verbinden Suizidversuche direkt mit Schwangerschaftsabbruch
Mehr als die Hälfte aller Frauen sahen moderate bis hohe Zusammenhänge zwischen dem Abbruch und ihren Suizidgedanken. Frauen, die ihre Abtreibung als erzwungen beschrieben, führten diese Erfahrung sogar als zentrales Motiv ihrer Suizidversuche an. Eine frühere Studie (Cureus, 2023) hatte gezeigt, dass 61 Prozent der Frauen bei ihrer Abtreibungsentscheidung starken äußeren Druck empfanden. Unter Druck durchgeführte Abtreibungen gingen häufig mit intensiven psychischen Belastungen einher, darunter negative Emotionen, Alltags- und Arbeitsstörungen sowie belastende Gedanken und Alpträume (Bioethik aktuell, 14.02.2023).
Auch gewollte Abtreibungen werden mit Suizid assoziiert
Auffallend ist, dass auch Frauen, die ihre Abtreibung als „gewollt und mit ihren Werten und Präferenzen konsistent“ beschrieben, sie als Einflussfaktor ihrer Suizidversuche bewerteten. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass es Korrelationen zwischen der Erfahrung einer Abtreibung und Suizidversuchen gibt – unabhängig davon, ob der Schwangerschaftsabbruch gewollt oder ungewollt war. Die Studie widerlegt die Annahme, dass erhöhte Suizidraten nach Schwangerschaftsabbrüchen ausschließlich auf vorbestehende psychische Probleme zurückzuführen sind. Stattdessen wird ein mehrdimensionales Verständnis von Risikofaktoren nahegelegt. Sie widerlegt auch Thesen, wonach ein Schwangerschaftsabbruch die psychische Gesundheit von Frauen verbessern würde (Bioethik aktuell, 3.7.2023).
Bessere Aufklärung über psychische Folgen ist erforderlich
Die Studie unterstreicht, dass Abtreibung nicht als alleinige Ursache für suizidales Verhalten betrachtet werden kann. Für eine angemessene Risikoaufklärung und Beratung von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen, reicht allerdings bereits eine statistisch signifikante Korrelation als Evidenz aus, betonen die Forscher.
Sie empfehlen deshalb eine umfassende Aufklärung über psychische Gesundheitsrisiken. Es sei wichtig, jene Frauen zu identifizieren, die sich bei der Abtreibung vom Partner, Eltern oder durch andere Umstände gezwungen fühlen. Keine Frau sollte eine Abtreibung, die sie eigentlich nicht möchte, wegen Druck von außen durchführen.
Umfassende Informationen ermöglichen kongruente Entscheidungen
Patientinnen sollten mit Informationen zu alternativen Lösungen bestärkt werden, Entscheidungen zu treffen, die mit ihren Werten und Präferenzen übereinstimmen. So könnten ungewollte Abtreibungen vermieden und Frauen vor ihren negativen psychischen Folgen geschützt werden. Denn das Risiko für suizidales Verhalten steigt am stärksten an, wenn Frauen sich zur Abtreibung gezwungen fühlen und sie einen Verstoß gegen ihre Werte darstellt.
Intensivere Nachsorge kann bei traumatischen Erfahrungen helfen
Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass mehr Unterstützung für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erlebt haben, notwendig ist. Eine bessere psychische Nachsorge sei ebenso gefragt, betont Leiter der Studie, Bioethiker David C. Reardon (Elliot Institute). Finnland hat Behandlungsrichtlinien ihrer Post-Abortion-Care aktualisiert und mehr Folgetermine eingeführt. Dadurch kann die psychische Gesundheit der Betroffenen besser erfasst und gezielte Unterstützung bereitgestellt werden.